{"id":3138,"date":"2018-05-24T13:16:24","date_gmt":"2018-05-24T11:16:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/?p=3138"},"modified":"2019-02-04T12:33:15","modified_gmt":"2019-02-04T11:33:15","slug":"antihelden-was-sind-antihelden-und-aus-welchen-gruenden-kann-man-sie-als-leser-gut-finden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/2018\/05\/antihelden-was-sind-antihelden-und-aus-welchen-gruenden-kann-man-sie-als-leser-gut-finden\/","title":{"rendered":"ANTIHELDEN \u2013 Was sind Antihelden und aus welchen Gr\u00fcnden kann man sie als Leser gut finden?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>\u201eAll human beings, as we meet them, are commingled out of good and evil\u201c<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Robert Louis Stevenson,\u00a0The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (Etwa: Alle Menschen, so wir wie ihnen begegnen, sind gemischt aus Gutem und aus B\u00f6sem)<\/p><\/blockquote>\n<p>In jedem von uns gibt es das sogenannte Gute und das B\u00f6se. Es gibt kaum abgenutztere Bezeichnungen, man denke nur an den ewig fortw\u00e4hrenden Kampf zwischen Gut und B\u00f6se, obwohl die Trennung von beidem nur \u00e4u\u00dferst unscharf und schwierig zu definieren ist. \u201eGut und B\u00f6se kann doch jedes Kind unterscheiden!\u201c &#8230; Ja, wirklich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>Das Gute und das B\u00f6se \u2013 was ist das eigentlich?<\/b><\/span><\/h3>\n<p class=\"p2\">Das Gute allgemein ist eine Art Sammel- oder \u00dcberbegriff f\u00fcr alle\u00a0<b>der Gesellschaft zutr\u00e4glichen Handlungen\u00a0<\/b>und in einer Gesellschaft als\u00a0<b>positiv bewertete Zielsetzungen<\/b>. Als\u00a0<b>Kategorischen Imperativ\u00a0<\/b>definierte<b>\u00a0Immanuel Kant<\/b>\u00a0das Ganze folgenderma\u00dfen: &#8222;Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.\u201c oder frei \u00fcbersetzt im Sprichwort: \u201eWas du nicht will, das man dir tu, das f\u00fcge auch keinem anderen zu.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das B\u00f6se hingegen verk\u00f6rpert in dieser Dichotomie den Gegenpart, das nicht erstrebenswerte,\u00a0<b>antisoziale<\/b>, als\u00a0<b>falsch bewertete Handeln<\/b>\u00a0aus sogenannten\u00a0<b>niederen Motiven<\/b>, wie Habgier, Selbstsucht, Mordlust, Heimt\u00fccke usw. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Bei unserer eigenen Bewertung von guten und schlechten Taten, spielen dabei durchaus die unterschiedlichen Moralvorstellungen der jeweiligen Gesellschaft eine gro\u00dfe Rolle; man denke nur an die ganz unterschiedliche Bewertung von Beziehungsmodellen oder sexuellen Spielarten \u2013 was in der Antike mehr als nur akzeptiert war, wurde vom Christentum geradezu verdammt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Auch werden menschliche Charaktereigenschaften vielfach in gute und schlechte, oder gar b\u00f6se Eigenschaften unterteilt. Da gibt es die erstrebenswerten Eigenschaften: Freundlichkeit, Mitleid, Ehrlichkeit, Zuverl\u00e4ssigkeit, sowie auch die vermeintlich eher schlechten Eigenschaften und Empfindungen; Eifersucht, Missgunst, Egoismus, Emotionslosigkeit usw. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"s1\"><b>Was sind eigentlich Antihelden?<\/b><\/span><\/p>\n<p><span class=\"s1\">Um bei der Dichotomie gut und b\u00f6se zu bleiben, gibt es dementsprechend auch Helden und Antihelden. Allein schon wegen der Vorsilbe \u201eanti\u201c k\u00f6nnte man hierbei leicht auf den Gedanken kommen, dass dieser Figurentypus das Gegenteil des Helden ist. Jedoch ist der Antiheld nicht zu verwechseln mit einem Antagonisten, also mit dem \u201eB\u00f6sewicht\u201c einer Geschichte, der Antiheld ist eher eine eigene Kategorie des Protagonisten.<br \/>\nDer gro\u00dfe Unterschied zum Helden ist, dass die Charakterz\u00fcge des Antihelden meist als allgemein nicht erstrebenswert \u2013 nicht gut \u2013 gelten. W\u00e4hrend man den Held f\u00fcr das bewundert, was er ist und sich mit ihm identifiziert, weil man sich w\u00fcnscht so zu sein wie er, funktioniert die Motivation mit einem Antihelden mitzufiebern auf ganz andere Art und Weise. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"s1\">Antihelden haben oftmals ein\u00a0<b>schwieriges Verh\u00e4ltnis zur Gesellschaft<\/b>, sind<b>\u00a0Au\u00dfenseiter, \u201eVersager\u201c<\/b>oder auch\u00a0<b>Kriminelle<\/b>\u00a0und verf\u00fcgen, wie bereits angedeutet, eher \u00fcber als wenig erstrebenswert betitelte Charaktereigenschaften, bis hin zu \u00e4u\u00dferlichen \u201eMacken\u201c. Ihr Spektrum kann weit auseinandergehen, vom schwerkriminellen aber doch irgendwie sympathischen Mafiaboss, bis zum eigentlich ganz harmlosen, netten Kerl, der leider im Leben recht erfolglos ist, kann alles dabei sein.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"s1\">Einige Antihelden zeichnen sich auch oder lediglich dadurch aus, dass sie im Gegensatz zu Helden\u00a0<b>nicht stets gut gelaunt und offenherzig\u00a0<\/b>wirken, sondern eher \u201egrumpy\u201c bis hin zu\u00a0<b>melancholisch<\/b>\u00a0oder \u00fcberaus\u00a0<b>kritisch mit sich und dem Rest der Welt<\/b>\u00a0sind.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p2\"><b><strong><\/strong><\/b><span class=\"s1\"><b>Menschen und Figuren zwischen Gut und B\u00f6se<\/b><\/span><\/p>\n<p><span class=\"s1\">Antihelden sind oftmals die<b>\u00a0komplexeren und realistischer gezeichneten Figuren<\/b>, weil sie eben nicht nur gut oder nur perfekt sind und handeln, sondern Schw\u00e4chen zeigen, deutlich erkennbare Fehler haben oder sich absichtlich unmoralisch verhalten. Realistischer f\u00fchlen sich Antihelden deswegen oftmals f\u00fcr uns an, da wir unser eigenes Verhalten meist auch nicht als rein \u201egut\u201c bezeichnen k\u00f6nnen. In jedem von uns gibt es auch die vermeintlich schlechten Eigenschaften, ohne dass sie direkt zu kriminellen oder schlimmen Handlungen f\u00fchren m\u00fcssen. Jeder von uns hat diese \u201edunklen Seiten\u201c, es ist lediglich eine Frage, wie stark welche Seite in uns gewichtet ist.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"s1\">An dieser Stelle muss ich die\u00a0<b>Star-Trek-Folge \u201eKirk : 2 = ?\u201c<\/b>\u00a0(englisch: \u201eThe Enemy Within\u201c) anf\u00fchren, die als gutes Beispiel hierf\u00fcr dient. In dieser Folge werden durch einen Transporterfehler Kirks gute und schlechte Charakterz\u00fcge in zwei \u00e4u\u00dferlich identische Personen gespalten, wobei der eine Kirk alle guten und der andere Kirk alle schlechten Eigenschaften inne hat. Schnell zeigt sich jedoch, dass der \u201eguten\u201c Seite einige entscheidende Wesensz\u00fcge fehlen, die aber notwendig sind um Captain sein zu k\u00f6nnen. Wie etwa Entscheidungskraft, Willenskraft, Durchsetzungsverm\u00f6gen und Ehrgeiz. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"s1\">Vielleicht ist die Einteilung aller Eigenschaften und Pers\u00f6nlichkeiten in gute und schlechte also nicht unbedingt richtig.<b>\u00a0Jede Eigenschaft hat h\u00e4ufig auch eine Kehrseite.\u00a0<\/b>Eifersucht ist h\u00e4ufig die andere Seite von tief erfundener Liebe f\u00fcr einen anderen, Selbstzweifel und \u00fcbertriebener Perfektionismus gehen oft einher mit Ehrgeiz, ohne dessen Antrieb eine Verbesserung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit oder das Erreichen seiner Ziele sehr schwierig w\u00e4re. K\u00f6nnte man tats\u00e4chlich alle \u201eschlechten\u201c Seiten eines Menschen l\u00f6schen, bliebe dann vielleicht auch von den guten Eigenschaften kaum noch etwas \u00fcbrig?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p2\"><b><strong><\/strong><\/b><span class=\"s1\"><b>Warum Antihelden gut finden?<\/b><\/span><\/p>\n<p><span class=\"s1\">Wie oben schon erw\u00e4hnt, funktionieren die Mechanismen sich f\u00fcr Antihelden zu begeistern anders, als bei normalen Helden. Hier eine kleine \u00dcbersicht m\u00f6glicher Motivationen:<\/span><\/p>\n<ol>\n<li><b>Die etwas andere Art von Wunschtr\u00e4umen:<\/b>Ein Grund f\u00fcr die Beliebtheit von Antihelden ist sicher auch, dass sie dem Leser die M\u00f6glichkeit geben die \u201edunkle Seite\u201c einmal \u201eanzuprobieren\u201c. Nicht oft sich Antihelden auch diejenigen, die Selbstjustiz \u00fcben, f\u00fcr ein Unrecht, das ihnen geschehen ist, das aber strafrechtlich nicht verfolgt wird oder werden kann. Antihelden nehmen an dieser Stelle h\u00e4ufig ihr Schicksal selbst in die Hand, nicht wirklich legal, aber spannend zu verfolgen und auch als Motivation nachvollziehbar. Endlich, zumindest mit den Augen eines anderen erleben, wie es sich anf\u00fchlt, Rache an den Mitsch\u00fclern, von denen man st\u00e4ndig gemobbt wird, zu \u00fcben oder endlich mal nicht runterschlucken, dass einem der letzte Parkplatz unfairerweise direkt vor der Nase weggeschnappt wurde. Endlich nicht nur das Opfer sein, sondern ausprobieren, wie es w\u00e4re, wenn man seine \u201eb\u00f6se Seite\u201c rausl\u00e4sst. Antihelden tun h\u00e4ufig das, was man selbst im realen Leben nur in Gedanken oder Tagtr\u00e4umen rauslassen kann.<\/li>\n<li><b>Helden auf Augenh\u00f6he:<\/b>Der normale, durchschnittliche Held ist eher eine Figur, zu der man aufschaut. Die gro\u00dfe F\u00e4higkeiten besitzt, die einem selbst und auch vielen anderen Menschen fehlen. Viele Helden sind erfolgreich, haben gro\u00dfe Gaben und Talente, Geld, Macht, Einfluss oder insgesamt ein interessantes, bewegtes Leben. Antihelden kommen h\u00e4ufig aus eher nicht so guten sozialen Umst\u00e4nden, sind sogar oft genug ganz am anderen Ende der Nahrungskette und eher sozial isoliert. Sie befinden sich somit mit vielen Lesern auf Augenh\u00f6he und sind nicht so unerreichbar wie Helden. Auch sie stecken vielleicht in einem langweiligen Alltagsjob, der sie nervt, auch sie haben Macken und Schw\u00e4chen, die sie gerne \u00e4ndern w\u00fcrden oder nicht zuletzt gelingt ihnen das, was sie erreichen wollen, vielleicht nicht etwa deswegen nicht, wegen mangelndem Talent, sondern weil sie von den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden her immer nur Pech hatten. Antihelden wirken oftmals nicht wie \u201eam Rei\u00dfbrett\u201c entworfen, sondern werden oft erst zu dem, was sie sind, aufgrund der gesellschaftlichen Umst\u00e4nde. Ganz so, wie echte Menschen.<\/li>\n<li><b>Der Weg ist das Ziel:<\/b>In vielen Erz\u00e4hlungen erreichen Antihelden, anders als Helden, vielleicht nicht ihr Ziel, dennoch gibt es eine andere Motivation ihren Weg trotzdem mit Interesse zu verfolgen: Ihren Umgang mit der Situation, selbst wenn sie mal straucheln und R\u00fcckschl\u00e4ge einstecken m\u00fcssen. Und man ertappt sich, obwohl man wei\u00df, dass sie scheitern werden, trotzdem oft genug dabei, dass man mit Antihelden mitfiebert und sich w\u00fcnscht, dass sie irgendwie doch nicht sterben oder ihr Ziel verfehlen ;-)<\/li>\n<li><b>Schadenfreude:\u00a0 <\/b>\u2026 Oder auch Solidarisierung mit jemandem, der etwas erlebt, das man selber auch kennt. Ein nicht zu untersch\u00e4tzender Faktor bei Antihelden. Vielfach kann es Balsam f\u00fcr die Seele des Lesers sein, wenn es einem Helden \u201eauch nicht besser geht, als einem selbst\u201c. Oder, wenn der Held etwas erlebt, was man selbst nicht in den Ausma\u00dfen kennt, hier kann sich dadurch f\u00fcr den Leser ein gewisser tr\u00f6stender Effekt einstellen: \u201eHier gibt es jemanden, der etwas noch schlimmeres erlebt hat, als ich selbst.\u201c Oder eben klassische Schadenfreude, bei einem dem Leser unsympathischen Antihelden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>In diesem Sinne: Wir sind eigentlich fast alle ein klein wenig Antiheld. Ein Antiheld ist nicht automatisch ein B\u00f6sewicht, sondern f\u00fcr mich pers\u00f6nlich eher eine interessantere Kategorie des Protagonisten, die dem Leser m\u00f6glicherweise einfacher nahe kommt, als ein &#8222;perfekter&#8220; Held ohne Ecken und Kanten.<\/p>\n<p><b>Zum Weiterlesen:<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2017\/mai\/tagtraeume-der-gesellschaft\">https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2017\/mai\/tagtraeume-der-gesellschaft<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><a href=\"https:\/\/marcusjohanus.wordpress.com\/2017\/05\/21\/warum-antihelden-immer-beliebter-werden\/\">https:\/\/marcusjohanus.wordpress.com\/2017\/05\/21\/warum-antihelden-immer-beliebter-werden\/<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAll human beings, as we meet them, are commingled out of good and evil\u201c\u00a0\u2013\u00a0Robert Louis Stevenson,\u00a0The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (Etwa: Alle Menschen, so wir wie ihnen begegnen, sind gemischt aus Gutem und aus B\u00f6sem) In [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,375],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3138"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3138"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3145,"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3138\/revisions\/3145"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.temel-art.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}