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Interessante Dialoge schreiben ODER Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?!

Nachdem wir nun wissen, auf welche Art und Weise wir die Handlung in die Panels packen können, wie dieses zu strukturieren sind und grundlegende Begriffe für das Schreiben des Skriptens gelernt haben, gibt es nun noch einen großen Bereich Theorie, der ziemlich entscheidend für ein gutes Skript ist: Dialoge.

Und um die geht es in zwei Teilen, im ersten widmen wir uns den Figuren und ihrer jeweils eigenen Sprechweise, mit der wie sie allein am Text voneinander unterscheiden können.

Ich rede also bin ich – die Sprache von Comiccharakteren

Wenn ich an einen neuen Comic herangehe, finde ich das Erfinden und Darstellen der auftretenden Charaktere mit die schwierigste Aufgabe. Vieles in der Story und dem Erzählen passiert über die Charaktere, es kann sehr viel davon abhängen, ob man es geschafft hat „gute“, nachvollziehbare Charaktere zu erschaffen, die glaubwürdig rüberkommen und im besten Falle dem Leser so sympathisch ist, dass er mit den Figuren mitfiebert.

Neben den Äußerlichkeiten und Wesensmerkmalen der Charaktere, denen wir uns schon  gewidmet haben, gibt es für mich persönlich etwas anderes, was eine Figur sehr interessant machen kann: Die Sprache.

Nicht Deutsch oder Englisch, Französisch usw. Gemeint ist die Art und Weise, wie ein Charakter spricht. Jeder von uns zeichnet sich durch eine geradezu einzigartige Art zu reden aus. In unserer Sprache spiegeln sich vielfach Teile unserer Persönlichkeit wieder. Unser Bildungshintergrund, unsere Herkunft, unser Alter, unsere Erfahrungen, all das lässt sich in unserer Sprechweise wiederfinden. Warum sollte man in Comics keinen Gebrauch davon machen, wenn man Charaktere glaubwürdig erschaffen möchte?

Konkrete Möglichkeiten:

1. Der Hintergrund des Charakters

Wir sind was wir sagen. Oder so ähnlich. An der Sprache eines Charakters lässt sich oft schon subtil ableiten, wie sein Hintergrund ist. Übermäßiger Gebrauch von „Jugendsprache“ gibt Aufschluss über das Alter des Charakters, genauso wie bestimmte „altmodische“ Ausdrücke. Bildung, Herkunft, Geschlecht, Alter … vieles kann die Art einer Figur zu reden beeinflussen. Mit anderen Worten es ist nicht immer nötig jedes Detail aus der Vergangenheit einer Figur im Comic aufzuzählen, manches kann sich der Leser auch schon ableiten, wenn der Charakter eine besondere Art zu sprechen hat.

Im Übrigen kann man natürlich auch mit dem Ganzen „spielen“ und bewusst damit umgehen, dass eine Figur anders spricht, als man es von ihrem Äußeren her (eigentlich) erwarten würde.

Beispiel:

Rotzige Göre: Der hat ja wohl ’n Rad ab!

Älterer Mann: Ja, ist er denn verrückt geworden? 

Adeliger: Welch ein unschöner Wesenszug von ihm!

2. Sprachliche Macken und Besonderheiten

Innerhalb einer bestimmten Szene oder innerhalb bestimmter Orte wird auch schon mal anders gesprochen. Akzente, Dialekte oder gewisse sprachliche Eigenheiten sind weitere hervorragende Möglichkeiten die Sprechweise einer Figur zu färben. Verschluckt sie bestimmte Silben ständig? Macht sie vielleicht Gebrauch von irgendwelchen Fremdwörtern oder benutzt sie ein ganz eigenes Vokabular (das eventuell aus ihren Lebensumständen resultiert)? Vielleicht hat die Figur eine oder mehrere „Phrasen“, die sie dauernd wiederholt? Oder hat die Figur eine Redewendung, die sie falsch, ungewöhnlich oder einfach sehr oft benutzt, anhand derer man sie gut von allen anderen unterscheiden kann? Zu häufiger Gebrauch von besonderen Redeweisen oder Dialekten kann zwar gegebenenfalls den Leser nerven, dafür lassen sich so die Figuren unverwechselbar machen. 😉

Reflektiert eure eigene Art zu sprechen, bestimmt habt ihr auch gewisse Eigenheiten beim Sprechen, die euch vielleicht gar nicht bewusst sind.

3. Ich und du und die Sache

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick prägte einst den Satz:

„Man kann nicht nicht kommunizieren“

Was mich dazu bringt, kurz anzureißen, dass Kommunikation immer eine Sachebene und eine Beziehungsebene hat. In Dialogen kann man das hervorragend einbringen, um die Beziehung zwischen zwei Figuren allein dadurch klarzumachen, was sie zueinander sagen. Vielleicht führt das für den Schreiber erst einmal dazu, trockene Theorie zu wälzen, dennoch empfehle ich das Lesen diverser Kommunikationsmodelle (Kommunikationsquadrat, Schulz von Thun oder das Organon-Modell von Karl Bühler), um daraus etwas für gute Dialoge zu lernen.

Eine Art Faustregel für Dialogzeilen (zumindest für den Großteil davon) könnte es zum Beispiel sein, immer etwas über den Sender UND den Empfänger auszusagen und gleichzeitig die Story damit ein Stück weit voranzutreiben.

Beispiel:

„Wegen deiner Abkürzung haben wir uns jetzt verlaufen.“

Sender-Botschaft: „Ich bin verärgert, weil wir uns verlaufen haben.“

Empfänger-Botschaft: „Du bist schuld, dass wir uns verlaufen haben.“

Botschaft für die Story: „Wir müssen jetzt einen Weg finden dieses Problem zu lösen.“

Ihr seht, es muss nicht nur unbedingt zählen WAS von einer Figur gesagt wird, sondern auch WIE es gesagt wird. Oder zu wem. Die kleinen Feinheiten, wie zum Beispiel, dass ganz unterschiedliche Figuren auch ganz unterschiedlich reden, können oft aus eher durchschnittlichen Charakteren sehr interessante und vor allem wiedererkennbare machen. Die Sprache ist ein ganz entscheidender Faktor in Dialogen und kann Figuren eine unglaubliche Tiefe verleihen, auch Aspekte wie Sympathie oder Antipathie für die Figur kann man auf diese Weise gut steuern.