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Bevor wir so richtig drauflos schreiben oder uns gar ans Skript unseres Comics wagen, gibt es ein wenig trockene Theorie, die aber dennoch interessant und wichtig vor dem eigentlichen Schreiben ist. Denn häufig wachsen mit dem Bewusstsein für die Möglichkeiten, die man beim Erzählen zur Verfügung hat, auch die Ideen, wie man seine eigene Story erzählen kann. Dazu gehören zunächst einmal die Faktoren „Stimme“ (wer erzählt?), „Modus“ (wie mittelbar wird erzählt?) und „Zeit“ (wann wird erzählt?).

Wer erzählt das Ganze?

erzaehlen-symbolIm Comic nimmt man mitunter den Erzähler gar nicht so stark wahr wie in Prosatexten, da auch rein mit Bildern erzählt werden kann und wir als Leser nicht so stark vor Augen geführt bekommen, dass jemand uns das Geschehene erzählt. Dennoch gibt es auch bei Comics ohne Text immer einen Erzähler.

Aus der Sicht des Erzählers – wie auch immer dieser geartet ist – wird uns, dem Leser, das Geschehene präsentiert. Es beeinflusst das, was wir erleben und was uns vorenthalten wird, die Art und Weise wie es präsentiert wird; auch unsere Meinung von dem Erzählten kann maßgeblich durch den Erzähler beeinflusst werden. Der Erzähler kann sowohl unmittelbar am erzählten Geschehen beteiligt sein, als auch geradezu komplett losgelöst von der Erzählung. In jedem Fall beeinflusst die Art des Erzählers unser Leseempfinden sehr und daher sollte die Wahl des Erzählers auch besondere Berücksichtigung erfahren.

Stimme: Die Art des Erzählers

1. Hetereodiegetisch vs. Homodiegetisch (vs. Autodiegetisch): Ein paar Worte vorab zum Erzähler: Der Erzähler kann sich auf einer Art Skala, an deren Enden jeweils zwei verschiedene Typen von Erzählern sind, befinden. Auf der einen Seite steht der heterodiegetische Erzähler, er ist keine Figur der erzählten Welt und somit nicht am Geschehen beteiligt. Auf der anderen Seite steht der homodiegetische Erzähler, er ist eine Figur der erzählten Welt und wenn er zugleich die Hauptfigur ist, dann ist er ein autodiegetischer Erzähler.

Zwischen diesen beiden Polen gibt es jedoch einige Möglichkeiten der Positionierung des Erzählers, vornehmlich auf der Seite des homodiegetischen Erzählers. Der Erzähler könnte gleichzeitig die Hauptperson sein (kommt ja häufig genug vor und dem widmen wir uns auch gleich noch einmal ausführlicher), er könnte aber auch nur eine Nebenfigur sein oder sogar nur ein Beobachter der Handlung, der nicht selbst beteiligt ist. Hier besteht also durchaus etwas Spielraum zwischen den zwei Gegensätzen.

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2. Auktorialer oder auch allwissender Erzähler: Heterodiegetischer Erzähler, somit kein Teil der erzählten Welt und nicht am Geschehen beteiligt. Er kennt nicht nur alle Handlungsteile, Orte, Geschehnisse und Personen des Erzählten, sondern auch das Gefühlsleben der handelnden Charaktere. Er betrachtet somit das Geschehen komplett von außen, was man in Comics zum Beispiel durchaus nicht nur mit Texten wiedergeben kann, sondern auch mit so etwas wie Wahl der Kameraperspektiven, häufige Vogelperspektiven, gemischt mit Nahaufnahmen der Charaktere können verdeutlichen, dass dieser Erzähler nahezu jede Position zur Erzählung der Geschichte einnehmen kann.

Zu beachten hierbei ist übrigens: Der auktoriale Erzähler ist NICHT(!!!) der Autor. Sondern der auktoriale Erzähler ist, wie auch die erzählte Welt und Handlung eine Schöpfung des Autors.

3. Ich-Erzähler: Homodiegetischer Erzähler, der nicht die Hauptperson der Geschichte sein muss, aber das Erzählte nur aus seiner eigenen Sicht wiedergeben kann. Demzufolge weiß er nicht, anders als der auktoriale Erzähler, um das Gefühlsleben der anderen Personen und kann daher auch bestimmte Gesamtzusammenhänge gar nicht oder nicht so schnell und einfach erkennen, wie der auktoriale Erzähler. Auch das kann ein Comic gut über die Wahl der Kameraperspektiven rüberbringen, in dem er zum Beispiel nur Nahaufnahmen des Ich-Erzählers benutzt und die anderen Charaktere eher aus der Distanz betrachtet und natürlich kann der Ich-Erzähler nur von dem erzählen, was er selber live erlebt hat.

4. Personaler und neutraler Erzähler: Quasi Unterformen des auktorialen Erzählers (nach meiner ganz persönlichen Wahrnehmung), der personale Erzähler ist zwar kein Ich-Erzähler, erzählt das Geschehene aber aus der Perspektive einer handelnden Figur und weiß somit auch über das Gefühlsleben dieser Figur Bescheid. Auch ist es möglich, dass ein personaler Erzähler zwischen mehreren Figuren hin und her springt und somit fast schon an einen auktorialen Erzähler erinnert. Der neutrale Erzähler hingegen erzählt vergleichsweise nüchtern das Geschehen, ähnlich wie ein auktorialer Erzähler, aber ohne das Wissen (und das Interesse) für das Gefühlsleben der handelnden Charaktere.

5. Unzuverlässiger Erzähler: Sehr häufig neigen wir dazu davon auszugehen, dass uns ein Erzähler automatisch die Wahrheit erzählt, egal um welche Art von Erzähler es sich handelt. Doch eine sehr interessante Art zu erzählen kann es auch sein sich eines unzuverlässigen Erzählers zu bedienen. Dessen Aussagen über die erzählte Welt können zweifelhaft bis komplett falsch sein und dies aus unterschiedlichen denkbaren Motivationen.

Es kann sich sowohl, um einen Erzähler handeln, der das Erzählte einfach in einer absurden Art und Weise beurteilt und das so stark, dass seine Beurteilung dem Leser wie eine falsche Darstellung des Erzählten vorkommt (nehmen wir doch zum Beispiel einen Verschwörungstheoretiker!). Andere Motivationen können aber auch Halluzinationen, (Wach-)Träume oder psychische Krankheiten sein, wie auch das absichtliche Anlügen eines Erzählers gegenüber dem Adressaten (zu dem Punkt komme ich später noch).

In einem Comic kann man durch die bildliche Darstellung sogar extrem gut den unzuverlässigen Erzähler benutzen und wirklich das zeichnerisch darstellen, was der Erzähler zu sehen glaubt oder zu sehen vorgibt (ein aufgehängter Mantel im Dunkeln, könnte ein Mann mit einem Messer sein!). Die „Auflösung“, das Hinweisen darauf, dass der unzuverlässige Erzähler überhaupt einer ist, kann hierbei ebenfalls sehr unterschiedlich sein, so wie auch der „Grad“ dieses Erzählertypen. Vielleicht hat er nur einen kleinen Teil der Geschichte falsch geschildert, was ihm erst am Ende durch einen Widerspruch bewusst wird, vielleicht war auch fast die ganze erzählte Geschichte unwahr und wird dem unzuverlässigen Erzähler gar nicht richtig bewusst, obwohl er (und somit auch der Leser) Hinweise kriegt, dass etwas nicht stimmen kann. Un-end-lich-e Mög-lich-keit-en!

Modus: Die Distanz des Erzählers zum Geschehen

Gehört im Prinzip auch schon ein bisschen zu dem Punkt Art der Erzählers von vorhin, da die Art des Erzählers seine Distanz entscheidend beeinflusst, ich habe diese beiden Punkte trotzdem der Übersichtlichkeit halber aufgeteilt. Die Stellung des Erzählers beeinflusst natürlich maßgeblich seine Distanz zum Erzählten und das wiederum beeinflusst unser Erleben der Geschichte als Leser. Ein und der gleiche Typ eines Erzählers kann jedoch unterschiedliche Distanzen zum Erzählten einnehmen. Dies lässt sich gleichermaßen textlich, in Erzählboxen oder Dialogen als auch bildlich mit der Szenenauswahl und den Kameraperspektiven darstellen.

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Der Erzähler kann so drastisch und so nahe am Gefühlsleben eines oder mehrerer handelnder Figuren sein, dass unmittelbar jede Regung, jede Angst, jeden Schmerz, jeden Genuss der Charaktere miterleben, dieselbe Situation kann aber auch von einem eher distanzierten, wenig bis gar nicht mitfühlendem Erzähler erzählt werden. Auch das kann unser Erlebnis als Leser beeinflussen, bis hin zu unserer Meinungsbildung vom Erzählten.

Adressat, wem wird die Geschichte erzählt?

Beim Thema „Unzuverlässiger Erzähler“ habe ich schon kurz auf den Adressaten hingedeutet. Es ergibt durchaus Sinn, sich nicht nur zu fragen, wer der Erzähler ist, sondern auch wer der Adressat ist. Wem wird eigentlich die Geschichte erzählt?

Vielleicht erzählt sie ein Charakter sich selbst, als eine Art ausschweifenden, inneren Monologes? Vielleicht gibt es einen ganz bestimmten Adressaten (ein homodiegetischer Erzähler könnte, zum Beispiel, in Form eines Briefes oder auch in Person, einem guten Freund oder Lebenspartner von einem besonderen Erlebnis berichten)? Vielleicht gibt es beispielsweise Gründe dafür, dass der Erzähler dem Adressaten nicht die Wahrheit erzählt (damit wären wir wieder beim unzuverlässigen Erzähler)?

Auch könnte sich bei Betrachten des Verhältnisses zwischen Adressat und Erzähler eine gewisse Motivation des Erzählers herauskristallisieren (denken wir an Scheherazade, aus „Tausendundeine Nacht“, die ihre Hinrichtung hinauszögern möchte). Oder es kann vorkommen, dass der Erzähler absichtlich den Leser in seiner Erzählung anspricht und berücksichtigt, als „lieber Leser“, „lieber Freund“ etc.

TIPP!
Literatur zum Thema! Mich persönlich hat das Werk „Einführung in die Erzähltheorie“ von M. Martinez und M. Scheffel auf meinem langen Storytelling-Weg entschieden weitergebracht. (Ich durfte Martinez und Scheffel selber an der Universität erleben und kann wirklich sagen, dass mir das auf meinem Comiczeichnerweg weitergeholfen hat wie kaum etwas anderes :-))