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Allgemeines zum Vorgehen

Wir haben nun den kompletten, fein ausgearbeiteten Plot für unsere Erzählung. Gratulation! Dann geht es jetzt langsam ans Eingemachte: Wir erarbeiten aus dem Plot ein Skript, eine Art Drehbuch, das schließlich die Basis für die zeichnerische Umsetzung des Comics wird!

Vorher aber noch ein paar allgemeine Hinweise und wieder etwas Theorie. Auch beim Skripten arbeite ich mich immer von grob nach fein vor. Ich beginne damit mir über die Seitenanzahl des Comics Gedanken zu machen (was ich idealerweise schon während des Plottens gemacht habe), nehmen wir mal 160 Seiten als Beispiel an. Für den eventuellen Druck eures Comics solltet ihr darauf achten, dass die finale Seitenzahl (mit Umschlag und allem) durch 4 teilbar ist, natürlich nur sofern ihr das direkt beabsichtigt.

Ich versuche dann die Seitenzahl auf die einzelnen Szenen des Plots aufzuteilen, zum Beispiel: Prolog, 15 Seiten, Anfangsszene 10 Seiten und so weiter. So lange, bis ich so einigermaßen denke, dass das hinkommen könnte. Keine Angst, daran kann immer noch herumgeschoben werden, aber für den Anfang hilft es.

Ab dann gehe ich an das Skripten der Szene. Ich nehme die Anzahl der Seiten, die ich mir gerade dafür eingeteilt hatte, nehmen wir einmal 10 Seiten an. Und versuche gemäß der Handlung dieser Szene für jede Seite eine kleine Zusammenfassung zu schreiben (nur ganz grob) etwa so:

Seite 1: Anfangsszene, Umgebung wird gezeigt

Seite 2: Protagonist tritt auf und spricht mit seiner Mutter

Seite 3: Protagonist und Mutter sprechen weiter, geraten dabei in Streit

Und so weiter, wirklich nur kurz, um so für sich nachzuprüfen, ob man mit der Seitenzahl hinkommen wird (man entwickelt für all das mit der Zeit ein Gefühl). Wenn man hier schon merkt, dass es nicht passen wird, kann man jetzt noch die Seiten umstellen. Dies kann man nun an jeder Szene so durchführen. Ansonsten geht es dann endlich weiter mit dem richtigen Skript!

Aufbau des Skriptes

Da ihr die Handlung schon längst niedergeschrieben habt, macht ihr euch beim Skripten vor allem Gedanken darüber, wie man das Geschehen einteilt und in welcher Art und Weise man es dem Betrachter präsentiert. Ihr müsst euch also immer wieder fragen, welchen Eindruck ihr in welcher Situation beim Betrachter wecken wollt, denn davon hängt viel ab.

drehbuch-skriptenZwar kann man das Skript auch sehr grob halten und den grafischen Aufbau im Kopf behalten oder später planen, dennoch kann ein ausführliches Skript für den späteren zeichnerischen Prozess extrem hilfreich sein.

Eine Skriptseite besteht aus verschiedenen Elementen. Da wäre zunächst natürlich die Seitenzahl, dann die Panels, die Einzelbilder einer Comicseite, die auf der Skriptseite mit Panel 1, Panel 2, usw. durchnummeriert werden. Dann folgt die Szenenbeschreibung, häufig kursiv dargestellt, dort wird beschrieben, was man im jeweiligen Panel gerade sieht und idealerweise auch wie man es sieht, in welcher Einstellung oder aus welcher Perspektive und auch wie groß das Panel im Verhältnis zu den anderen ist. Auch das Aussehen, die Haltung und die Aktionen der Figuren werden dort beschrieben. Zu Kameraperspektiven- und Einstellungen sowie zu den Möglichkeiten beim Paneling kommen wir später noch. Dann folgen die Charaktere, die sprechen, im Skript stehen sie mit Name: und daran schließen sich ihre Dialogzeilen an. Wenn gewünscht kann man in Klammern neben die Charakternamen (nochmals) kurz deren Stimmung schreiben, wie „müde“, „zornig“, „verwirrt“ usw. Hier ein Beispiel, wie so etwas für ein Panel aussehen könnte:

Seite 01

Panel 01 (groß, Hälfte der Seite)

Eine schmutzige Dachwohnung, die man aus der Aufsicht in der Totale sieht. Auf der linken Seite an der Wand, die mit halb abgerissenen Postern übersät ist, steht ein altes Bett mit mehreren, abgenutzten Decken, in dem man den roten Haarschopf von Melissa sieht. Auf ihr herum klettert eine pechschwarze Katze, die offensichtlich versucht sie zu wecken und dabei maunzt. Ein umgedrehter Karton neben dem Bett fungiert als Nachttisch für eine kleine Lampe, einen Wecker und ein Handy älteren Modells. Der Raum ist nur vom Licht, das durch das Dachfenster in der Mitte scheint, beleuchtet. Alles im Zimmer ist unordentlich, auf der rechten Seite stehen ein altes Sofa und ein Couchtisch, vollgestellt mit Flaschen, Geschirr, Zeitschriften, Büchern und allerlei anderem Kram, so viel, dass manches schon auf den Boden gefallen ist und sich dort stapelt. Auf dem Teppichboden liegen überall Klamotten, zusammengeknüllte Papiere und Taschentücher herum, an der Wand rechts oben stehen noch einige Kartons, aus der verschiedene Dinge herausragen.

MELISSA: (müde) Hrm … noch 5 Minuten …

KATZE: (hungrig) Miau! Miau!

Wenn man das Skript am Rechner erstellt, kann es hilfreich sein, durch verschiedene Formatierungen die einzelnen Skriptteile voneinander abzugrenzen, damit man sie beim Lesen leicht unterscheiden kann. Außerdem ist es gut bei der Dialogrede auf Großbuchstaben zu verzichten, da es, wenn man den Dialog aus dem Skript direkt für das spätere Lettering verwendet in bestimmten Schriftarten zu unschönen Darstellungen wie beim großen I zum Beispiel kommen kann.

Nach diesem Prinzip kann man Panel für Panel, Seite für Seite weiter vorgehen. Wichtig ist die Seiten so aufzubauen, dass auch wirklich alles gut auf eine Seite passt, also dass die Seiten weder „zu vollgepackt“ noch „zu leer“ aussehen. Man kann zum Beispiel direkt unter die Seitenzahl schreiben, wie viele und welche Panels auf der Seite untergebracht werden müssen, um zu sehen, ob alles so auskommt.

Aber welche Möglichkeiten gibt es denn nun das Geschehen bildhaft darzustellen, so dass man im Skript schon schreiben kann, wie die Comicseite hinterher aussehen wird? Ich komme daher jetzt zu Kameraeinstellungen und Kameraperspektiven, um Begriffe zu erklären, die man gut in seinem Skript verwenden kann.

Kameraeinstellungen:

Kameraeinstellungen, also was jeweils im Bild ist und was nicht, werden eigentlich beim Film in Drehbüchern benutzt, sind aber auch für Comics, die ja auch bildhaft erzählen, sehr von Nutzen. Ihre Bezeichnungen werden teilweise leicht abweichend benutzt, trotzdem gibt es hier eine grobe Übersicht der verschiedenen Möglichkeiten. Zur besseren Darstellung gibt es auch jeweils eine Grafik für euch 😉

Totale: Überblick über die gesamte Szene, man sieht also Umgebung wie auch Figuren, kann eine extreme Totale mit Fokus auf der Umgebung sein oder eher die normale Totale, wo man gleichermaßen Figuren und ihre Umgebung sieht

Halbtotale: Figuren werden von „Kopf bis Fuß“ gezeigt, Fokus liegt in dieser Einstellung noch eher auf der Gestik und der Körpersprache, nicht auf der Mimik der Figuren.

Halbclose: Figuren sind etwa vom Kopf bis zur Hüfte im Bild, im Vordergrund steht weiterhin eher die Gestik.

Nah: Figuren sind etwa vom Kopf bis zur Brust im Bild, Gestik und Mimik können im Vordergrund stehen.

Close-Up: Nahaufnahme, Figuren sind etwa vom Kopf bis zum Schulteransatz oder auch nur mit dem Gesicht im Bild, Mimik der Figur steht im Vordergrund.

Detailaufnahme: Ganz dichte Nahaufnahme von nur einem kleinen Ausschnitt, zum Beispiel nur von der Augenpartie einer Figur.

Hineinzoomen: Es gibt auch die Möglichkeit zu Kamerafahrten, von Panel zu Panel. Von einer Totale oder einer extremen Totale zu immer kleineren Bildausschnitten, bis hin zu Halbclose oder sogar Detailaufnahme zu fahren, bezeichnet man als hineinzoomen.

Herauszoomen: Das Gegenteil vom Hineinzoomen, von einem kleinen Bildausschnitt wie der Detailaufnahme zu einem immer größeren Bildausschnitt, bis hin zur extremen Totale zu fahren.

kameraeinstellungen

Kameraperspektiven:

Mit den Kameraperspektiven, die sich im Prinzip beliebig mit den Kameraeinstellungen kombinieren lassen, können gut Stimmungen transportiert werden. Es macht also Sinn sich bei jedem Panel nicht nur zu fragen welche Perspektive „gut aussieht“ oder gar leicht zu zeichnen ist, sondern welches Gefühl ihr beim Leser mit dem Bild wecken wollt und dementsprechend die Perspektive anzupassen.

Normale, Augenhöhe: Die Kamera ist auf gleicher Höhe mit den Figuren, quasi als stünde der Betrachter direkt neben ihnen. Diese Einstellung lässt sich gut für „normale Panel“, weniger für Panels, in denen Action oder Aufregung dargestellt werden sollen.

Untersicht und Froschperspektive: Ansicht von unten, bzw. von ganz unten/bodennahe. Kann dazu benutzt werden, dass ein Hintergrund oder eine Figur groß und bedrohlich wirken und der Leser ein Gefühl von Ehrfurcht oder sogar Angst vermittelt bekommt. Ein unheimliches altes Haus zum Beispiel erscheint in der Untersicht oder Froschperspektive noch unheimlicher, weil es dem Betrachter viel größer vorkommt, als es ist (da er selbst ja von unten schaut).

Aufsicht und Vogelperspektive: Ansicht von oben, bzw. von ganz oben. Der Betrachter blickt auf die Figuren und die Umgebung herab. Diese Perspektive schafft sehr gut einen gewissen Überblick über die Situation und die Umgebung, stellt aber auch Distanz zum Geschehen her. Außerdem kann dem Betrachter das Gezeigte aus dieser Ansicht klein und unbedeutend erscheinen, zum Beispiel um Hilflosigkeit einer Figur zu symbolisieren oder zu zeigen, dass jemand anderes auf diese herabschaut.

Schrägsicht: Die Kamera wird quasi zur Seite „gekippt“, so dass der Horizont schräg liegt, dies lässt sich gut für dynamische oder emotionale Situationen verwenden, da sie sofort die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht und ihn verwirrt. Diese Einstellung lässt sich mit den anderen Kameraperspektiven, Normale, Aufsicht oder Untersicht kombinieren.

Fischauge: Eigentlich ein spezielles Objektiv aus der Fotografie, ist aber auch in Comics als eine Art Perspektive zu finden. Das Fischauge verzerrt die normale Perspektive, da die senkrechten Linien, nicht parallel zu einander verlaufen, sondern nach oben und unten einen eigenen Fluchtpunkt ansteuern. Diese originelle Perspektive ist schwierig zu zeichnen, eignet sich aber für Panoramas oder „besondere Panels“.

kameraperspektiven

TIPP!
Skripte wie auf http://www.comicbookscriptarchive.com/archive/the-scripts/ (englisch) oder auch Filmdrehbücher von anderen anschauen und durchlesen, daraus lässt sich häufig hilfreiches entnehmen! 🙂