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Genau die gleiche Geschichte kann man auf zahlreiche unterschiedliche Weisen erzählen. Den Unterschied, den die Wahl des Erzählers ausmachen kann, hatten wir ja bereits, nun widmen wir uns dem Verhältnis zwischen der Zeit des Geschehens und der Zeit der Erzählung. Ein Ereignis hat einen festgelegten, zeitlichen Ablauf, dennoch muss man die Geschichte nicht exakt so erzählen, wie sie passiert ist.

Zeit: Wann wird erzählt?

Reihenfolge, chronologisch und anachronisch erzählen: Nehmen wir einmal einen ganz einfachen Aufbau einer Geschichte zum Erklären der Möglichkeiten, die die zeitliche Anordnung der Szenen einer Geschichte bietet: Anfang, Mittelteil, Schluss. Dies wäre der chronologische Ablauf der Geschichte, der dem Leser nichts oder nur wenig vom zeitlichen Ablauf des Geschehenen verschweigt.

Es gibt aber auch Möglichkeiten, anachronisch zu erzählen: Stellt man beispielsweise den Schluss, oder eine Szene kurz vor Schluss, an den Anfang der Geschichte, also im Prinzip Schluss, Anfang, Mittelteil, weiß der Leser zwar zu Anfang „wie alles ausgeht“, aber er fragt sich dennoch, wie es soweit gekommen ist, außerdem fehlt die Einführung in die erzählte Welt, wodurch vermutlich, obwohl die Schlussszene gezeigt wurde, vieles unklar ist.

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Auch lässt sich eine Geschichte komplett rückwärts erzählen oder zumindest indem die Szenen in genau umgekehrter Folge, wie das Ganze zeitlich abgelaufen ist, angeordnet sind. Generell lässt sich das anachronische Erzählen noch weiter unterteilen:

Analepse: Oder auch Rückblende. Die Darstellung eines Ereignisses, das zu einem früheren Zeitpunkt stattgefunden hat als dem, an dem sich die Haupthandlung gerade zeitlich befindet. Kann in Comics gut zeichnerisch vom Rest abgehoben werden (wenn gewollt) zum Beispiel durch Wechsel der Farbe (Rückblende nur in Grautönen) oder Wechsel des Stils (bleistiftartige Striche statt Tusche o. Ä.).

Prolepse: Auch Vorausdeutung, das Gegenteil der Analepse. Ein Ereignis, das noch in der Zukunft liegt, von dem Zeitpunkt an dem sich die Geschichte gerade befindet, wird vorweggenommen. Dies kann zum Beispiel dazu dienen, Spannung zu erzeugen, wie etwa das berühmte: „Damals wusste er noch nicht, dass er diesen Schritt noch bitter bereuen würde.“ (Ist aber häufig auch schlechter Stil, um Gegenwärtiges mit Zukünftigem zu untermauern und somit zu legitimieren.)

Ellipse: Zeitsprung, bzw. Lücke, Aussparung, ein Zeitabschnitt in der erzählten Zeit wird weggelassen, bzw. übersprungen. Dies kann verschiedenen Zwecken dienen: Entweder wird später zusammengefasst erzählt, was in diesem Abschnitt passiert ist, oder es passiert nichts in diesem Abschnitt, was von Relevanz für die Geschichte gewesen wäre. Häufig wird nach der Aussparung mit einem kurzen erklärenden Satz wie: „Einige Monate später …“ wieder in die Erzählung eingestiegen.

Erzähltempo, Zeit erzählen:

erzaehlen-erzaehltempoNicht nur die Reihenfolge der erzählten Szenen spielt eine Rolle bei der Frage nach dem WIE, sondern auch das Erzähltempo. In der Regel wird in Erzählungen ganz intuitiv mehrmals die Erzählgeschwindigkeit gewechselt, getreu dem Motto: „Es dauerte nur ein paar Minuten, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor.“ Mit unterschiedlichen Erzählgeschwindigkeiten kann man Ereignisse überspringen oder auch ganz kurze Augenblicke dehnen, um sie besonders hervorzuheben und Spannung zu erzeugen. Neben der „normalen“ Geschwindigkeit, in dem erzählte Zeit und Erzählzeit (zumindest nahezu) deckungsgleich sind, gibt es noch weitere Möglichkeiten.

Zeitdehnung: Wie der Name schon sagt wird hier die Erzählung künstlich in die Länge gezogen. Würde es sich um einen Film handeln, könnte man es als „Zeitlupe“ oder „bullet time“ bezeichnen. Zum Beispiel könnte der Schuss aus einer Waffe, der in der tatsächlichen Geschwindigkeit blitzschnell vorbei ist in einer zeitdehnenden Erzählung auf viele kleine Comiceinzelbilder gestreckt werden, um zum Beispiel die Spannung zu halten.

Zeitraffung: Im Gegensatz zur Zeitdehnung wird beim zeitraffenden Erzählen das Erzähltempo beschleunigt. Ein oder mehrere zeitliche Abschnitte werden stark zusammengefasst erzählt, man spricht daher auch von summarischem Erzählen. Im Gegensatz zur Ellipse werden die Ereignisse jedoch nicht weggelassen, sondern nur sehr stark zusammenfasst erzählt.

Ellipse: Ein oder mehrere Zeitabschnitte der aktuellen Erzählzeit oder der aktuellen Zeitlinie werden im kontinuierlichen Zeitfluss weggelassen bzw. ausgespart. Gründe hierfür können sein:

  • Generell fehlende Relevanz bzw. niedrige Priorität für die Erzählung
    (z. B.: Gang auf die Toilette)
  • fehlende Relevanz der Handlung zum Zeitpunkt der Erzählung
    (z. B.: ein Dialog der noch gar nicht verständlich ist, da die Grundmotivationen der Pro- bzw. Antagonisten noch gar nicht klar sind)
  • dramaturgisches Mittel, den Leser Informationen zum ausgelassenen Stück vorzuenthalten
    (z. B.: der wirkliche Hergang eines Einbruches [Amsterdam, Oceans 12])
  • fehlende gestalterische oder erzählerische Möglichkeiten, die Szene zeitlich fortlaufend darzustellen
    (z. B.: also evtl. unzureichende zeichnerische oder erzählerische Kompetenzen)
  • Zeitraffung, da der ausgelassene Part bereits vorab erzählt worden ist und eine Wiederholung nicht gewünscht ist
    (z. B.: ein Kampf in der Eröffnungssequenz wird nicht noch einmal wiederholt, da der Leser ihn bereits erlebt hat und keine relevanten neuen Informationen für die Erzählung daraus resultieren würden)

Ausgelassene Passagen können jedoch im Nachgang (oder schon vorab) erzählt bzw. nachgereicht werden (siehe Erzählfluss, Dramaturgie, point of view).

Pause: Die Handlung geht nicht weiter, die Erzählung hingegen schon, häufig um Platz für Kommentare, Überlegungen des Erzählers oder Beschreibungen zu lassen, daher verwendet man hierfür auch den Begriff deskriptive Pause.

Frequenz, Wiederholung von Ereignissen

Bestimmte Ereignisse passieren nicht einmal, sondern ereignen sich mehrmals, sie wiederholen sich. Um damit in seiner Erzählung umzugehen, gibt es im Wesentlichen drei verschiedene Möglichkeiten von Erzählungen:

Singulative Erzählung: Ein mehrmaliges Ereignis genauso häufig/oft erzählen.

Repititive Erzählung: Ein einmaliges Ereignis mehrmals erzählen.

Iterative Erzählung: Ein mehrmaliges Ereignis nur einmal erzählen.

Auf diese Arten kann man Wiederholungen in seiner Geschichte handhaben, und das zu verschiedenen Zwecken: Entweder um häufigen Wiederholungen gleichartiger Ereignisse entgegen zu wirken (und den Leser nicht zu langweilen) oder auch um wichtige Ereignisse durch Wiederholung hervorzuheben. Auch können – durch unterschiedliche Betrachterpositionen während der jeweiligen Wiederholungen – zeitnah unterschiedliche Aspekte ein und der selben Handlung gezeigt werden.

TIPP!
Ein eigener Zeitstrahl (digital oder z.B. so was wie Karteikärtchen mit den Szenen, die man an einer Wäscheleine befestigt) kann helfen, dass man bei anachronischem Erzählen nicht den Überblick über den zeitlichen Ablauf verliert und es nicht zu Unstimmigkeiten kommt. Im Übrigen ist es auch ein probates Mittel, den Erzählfluss einer Storyline durch eben jene Karteikarten zu planen und zu entwickeln.